Claudia & Michael: Wenn der Kaffee kalt wird
Blog |23.06.2026 | Thomas Ammich
Ein kalter Kaffee. Drei Nachrichten auf dem Handy. Eine halbe Minute Stille im Auto. Manchmal erzählen die kleinsten Momente die größten Geschichten.
Manchmal beginnt Selbstfürsorge mit einer ruhigen Tasse Kaffee.
Claudia
Claudia öffnet das Küchenfenster. Die Luft riecht nach Regen, obwohl der Himmel noch blau ist. Irgendwo mäht jemand den Rasen. Auf dem Nachbargrundstück klappert eine Mülltonne.
Die Kaffeemaschine klickt. Sie gießt sich eine Tasse ein, legt beide Hände darum und bleibt einen Moment stehen.
Auf dem Esstisch liegt eine Einkaufsliste.
- Milch.
- Tomaten.
- Batterien.
Seit Dienstag.
Das Handy summt.
Sie schaut nicht sofort hin.
Noch nicht.
Sie nimmt einen kleinen Schluck. Der Kaffee ist heiß. Dann dreht sie das Display um. Kannst du heute Nachmittag die Kinder übernehmen?
Darunter erscheint schon die nächste Nachricht.
Mama, der Drucker macht schon wieder nicht, was er will.
Claudia lächelt. Nicht über den Drucker. Über die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen glauben, sie könne das schon richten.
Sie tippt ein kurzes: Natürlich. Als sie die Tasse später wieder in die Hand nimmt, ist der Kaffee kalt.
Michael
Michael bleibt vor seinem Haus sitzen. Der Motor ist längst aus. Vor der Windschutzscheibe bewegt der Wind die Äste einer alten Linde. Ein Fahrrad fährt vorbei. Jemand lacht.
Auf dem Beifahrersitz liegt das Handy. Still.
Er schaut auf die Uhr. 18:43 Uhr.
Im Flur wird gleich das Licht angehen. Es wird gefragt werden, wie der Tag war. Später wird noch jemand anrufen. Morgen muss er mit seinem Vater zum Arzt. Irgendwo wartet eine E Mail, die eigentlich heute beantwortet werden sollte.
Michael lehnt den Kopf gegen die Kopfstütze.
Nur eine halbe Minute.
Mehr braucht es gerade nicht.
Dann steigt er aus.
Helden?
Es gibt Menschen, die immer erreichbar wirken.
Sie wissen, wann der TÜV fällig ist.
Sie erinnern an Geburtstage.
Sie bringen Kuchen zum Sommerfest mit.
Sie kennen das WLAN Passwort ihrer Eltern und den Lieblingsjoghurt der Enkel.
Sie sagen Sätze wie:
“Kein Problem.”
“Ich kümmere mich darum.”
“Mach dir keine Gedanken.”
Und manchmal glauben sie das sogar.
Sandwich Generation
Für dieses Lebensgefühl gibt es inzwischen einen Begriff: Sandwich Generation.
Menschen, die zwischen Beruf, Familie, älter werdenden Eltern und den kleinen Aufgaben des Alltags ihren Platz gefunden haben.
Oder ihn irgendwann aus den Augen verloren haben.
Nicht, weil sie zu wenig leisten, sondern weil sie so lange für andere da sind, bis sie sich selbst kaum noch bemerken.
Vielleicht beginnt Erschöpfung gar nicht mit einem vollen Kalender.
Vielleicht beginnt sie mit einem Kaffee, der jeden Morgen kalt wird.
Mit einem Auto, in dem man noch eine Minute sitzen bleibt.
Mit einer Einkaufsliste, auf der seit Tagen dieselben Batterien stehen.
Mit einem Spaziergang, den man auf nächste Woche verschiebt.
Mit dem Satz: “Ich mache das eben noch schnell.”
Claudia wird morgen wahrscheinlich wieder Kaffee kochen.
Michael wird vermutlich wieder einen Moment im Auto sitzen bleiben.
Beide werden freundlich sein.
Beide werden funktionieren.
Und beide werden für viele Menschen da sein.
Vielleicht erkennen sie irgendwann, dass zwischen all den Terminen, Nachrichten und kleinen Bitten noch jemand Platz haben darf: sie selbst.
Vielleicht beginnt Selbstfürsorge nicht mit einem freien Wochenende oder einer großen Entscheidung. Vielleicht beginnt sie einfach damit, den Kaffee zu trinken, solange er noch warm ist.


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